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Die "Potschta"-Briefmarke

Die Potschta-Marke

 

Die vermeintlich erste Nachkriegs-Briefmarke Ost-Sachsens, so galt lange Zeit als gesichert, war die sogenannte „Potschta“. Diese Freimarke war auf Initiative der Dresdner Postämter in einer Auflage von 1.030.000 Stück vor Ort produziert worden. Federführend war dabei ein Postamtmann namens Schneider, der sich maßgeblich um Entwurf und Druck gekümmert hatte. Aufgrund der zweisprachigen Aufschrift „Post / Potschta“ sei der Verkauf aber binnen weniger Stunden auf Anordnung der Alliierten gestoppt und die verbliebenen Stücke vernichtet worden. Stattliche Katalogpreise – gerade für gestempelte Exemplare – dokumentierten die Seltenheit von Ost-Sachsens „Potschta“. Erst vor wenigen Jahren gelang dem Philatelisten Wolfgang Strobel von der ArGe „Deutsche Notmaßnahmen ab 1945 e.V.“ der Beweis: Ein Betrugsfall sondergleichen hat jahrzehntelang zum Schaden der Sammler gewirkt, und die Postgeschichte musste nach fast 70 Jahren neu geschrieben werden.

 

Der spannende Betrugsfall um Ost-Sachsens Briefmarke „Potschta“

Die Geschichte vom Schalterverkauf

In den Morgenstunden des 23. Juni 1945, so geht die Geschichte des Postamtmanns Schneider, war es endlich soweit: Punkt 8:00 Uhr kamen die ersten neuen Briefmarken an den Dresdner Schaltern zum Verkauf. Bis dahin hatte die Bevölkerung mit geschwärzten Briefmarken des Dritten Reiches vorlieb nehmen müssen, oder die Belege waren mit „Gebühr bezahlt“ gestempelt worden. Der rote 12-Pfennig-Wert mit Kreis im Netzuntergrund zeigte neben vier Posthörnern und Blumenranken oben die Inschrift „Post“, unten hingegen in kyrillischen Buchstaben „Potschta“, russisch für Post.

Weder der Bürgermeister noch der russische Kommandant hatten gegen diesen Entwurf Einwände geäußert. Am Tag des Schalterverkaufs seien wiederum Muster an Stadt und Militärverwaltung gegangen, aber nach wenigen Stunden erhielten die Postämter überraschend den Befehl, den Abverkauf der „Potschta“ sofort zu stoppen und Druckstock wie auch Briefmarken zu vernichten. Bis dahin seien aber bereits 14.500 Exemplare über den Postschalter gegangen, rund 500 Stück auf Briefen verschickt worden. Die Geschichte klingt nicht unmöglich. Ähnliche Verkaufsstopps hat es immer wieder gegeben. Und Postamtmann Schneider war ja augenscheinlich Zeuge dieser Vorgänge gewesen.

 

Farbenfrohe Details für die Nachwelt

Ein interessantes Detail von Ost-Sachsens „Potschta“ sind die verschiedenen Druckfarben. Dafür gab es schon seit geraumer Zeit verschiedene Herleitungen. Eine Version, die auch in einschlägigen Katalogen zu lesen war, lautete, dass eine erste Produktion mit hellroter Wasserfarbe erfolgt sei. Diese habe sich aber als nicht geeignet erwiesen, die Bogen wären zusammengeklebt, und die Farbe habe nicht für die komplette Auflage gereicht. Da die Oberpostdirektion nicht zufrieden war, wurden die gedruckten Briefmarken abgelehnt. Eine neue Auflage mit Ölfarben sei schließlich angefertigt und ausgeliefert worden. In einer anderen Version der Geschichte heißt es, dass die ursprünglich verwendete Ölfarbe langsam knapp geworden war und deshalb schrittweise hellere Wasserfarbe beigemischt wurde. Die am Ende gänzlich mit Wasserfarbe gedruckten Briefmarken seien aber gleich wieder aussortiert worden. Erhaltene Exemplare müssten durch Diebstahl in Umlauf gekommen sein. Das waren farbenfrohe Details, mit denen die Nachwelt sich eine Weile beschäftigen konnte, und auch der Sammler-Express berichtete 1948 darüber, dass „Potschtas“ mit Wasserfarben in großen Mengen kursierten.

 

Erste Zweifel

Bereits Ende der 40er-Jahre hatten vereinzelte Prüfer erste Zweifel angemeldet, was die Existenz von ordentlich abgestempelten „Potschtas“ anging. Doch die Geschichte von den zurückgezogenen Briefmarken war bereits im Kanon verankert. Auch Dr. Wilhelm Schröders SBZ-Klassiker „Das Werden einer demokratischen Postverwaltung“ erhob die Episode aus Dresden zu einem Meilenstein des Jahres 1945. Knapp 50 Jahre später waren immerhin einige Abstempelungen in den kritischen Fokus von Sammlern und Experten geraten. 1993 kamen haarsträubende Erkenntnisse über die Entwertungen mit dem Stempel „DRESDEN A 16 bb“ ans Licht. Pikanterweise spielte dabei der Leiter der Postbezirksdirektion von 1945, Albert Stürmer, eine prominente und zweifelhafte Rolle.

 

Sauerkraut und Schinken

Der leitende Beamte Albert Stürmer soll sich von der zurückgezogenen „Potschta“ 50 Bogen „beiseite gelegt“ haben. Außerdem lagerten in seinem Büro noch weitere Bogen, aus denen Vorlagestücke für die Ortsbürgermeister entnommen worden waren. Einem Missgeschick war es zu verdanken, dass just auf Stürmers Bogen eine notdürftig eingeschlagene Portion Sauerkraut abgestellt worden war, sodass die „Potschtas“ zusammenklebten. Er nahm sie mit nach Hause, sortierte dort die unverdorbenen Bogen aus und wusch anschließend die milchsauer eingelegten Briefmarken. Mithilfe eines Freundes soll er über den Winter eine groß angelegte Zweitverwertung der „geretteten“ Briefmarken vorbereitet haben. Briefumschläge wurden frankiert und mit Adressen versehen, und im Frühsommer 1946 gelang es mittels eines saftigen Schinkens, eine Mitarbeiterin des Postamts Dresden 16 zu überreden, sich mitsamt ihrem Poststempel zu einer nächtlichen Massenentwertung einzufinden. Die „Potschtas“ mit dem Abdruck „DRESDEN A 16 bb“ waren also nachträglich mit einem echten Stempel versehen worden und damit falsch. Albert Stürmer und seine Gehilfen machten in den folgenden Jahren vermutlich ordentlich Kasse.

 

Genau hingeschaut

Dass die Entwertungen der „Potschta“ eventuell noch andere Makel aufwiesen, rückte erst nach und nach ins Bewusstsein. Beim Stempel „DRESDEN A 16 ee“ schien sich zu bestätigen, dass er lediglich im Innendienst verwendet worden war. Damit ergab sich der Verdacht einer Falschstempelung. Milde Urteile sprachen dennoch von „Gefälligkeitsentwertungen“ und „nachbeschriftet“ oder gar „aus Versehen“, wenn eine „Potschta“ diesen Stempel trug. Die Zahl der als einwandfrei echt gelaufen angesehenen Entwertungen sank stetig. Doch wirklich genau hinschauen wollte offensichtlich niemand. Dafür hatte sich die Legende vom Verkaufsstopp am 23. Juni 1945 vielleicht auch schon zu tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Als der Ost-Sachsen-Experte Wolfgang Strobel dann aber doch genau hinschaute, stieß er auf eine erschütternde Entdeckung.

Ein Betrug im großen Stil

Wolfgang Strobel ging bei seiner Suche in die Tiefe, recherchierte in Archiven und scheute sich nicht, in Aktenbergen zu wühlen. Dabei förderte er einen Betrug im ganz großen Stil zutage. Die „Potschta“ war nachweislich niemals an den Postschalter gekommen, gestempelte Marken sind sämtlich nachträglich mit rückdatierten Originalstempeln entwertet worden, also gefälscht. Die gesamte Geschichte um den Ausgabestopp war frei erfunden. Urheber waren jene verantwortlichen Postbeamten, unter deren Ägide die Ausgabe gescheitert war. Die Briefmarken wurden tatsächlich schon vor dem fiktiven Schalterverkauf zurückgezogen. Deshalb waren die gedruckten Bestände auch sechs Tage nach dem 23. Juni 1945 noch vollständig. Das belegte ein Schreiben der Oberpostdirektion.

Erst danach, am 3. Juli 1945, ließ sich ausgerechnet der OPD-Präsident Dr. Johannes Kneschke 25 Bogen aushändigen. Die Idee reifte augenscheinlich langsam, aber dafür umso gründlicher. Zwei Wochen später, am 16. Juli, entnahm Dr. Kneschke noch einmal 100 Bogen, tags darauf gar weitere 1000. Schon am 5. Juli hatte auch Kneschkes Stellvertreter 50 Bogen erhalten, und der hieß: Albert Stürmer. Die beiden leitenden Beamten besaßen damit exklusive 117.500 Exemplare. Einen Tag nach der letzten Entnahme soll dann die Vernichtung der „Potschtas“ erfolgt sein. Obwohl die Rohstoffe laut Vorschrift der Wiederverwertung zugeführt werden sollten, dokumentierten die Verantwortlichen die angebliche Verbrennung der Bestände. Danach legten sie das Fundament für die eingangs erzählte Legende, um ihren Betrug zu vertuschen. Auf Anfrage des Sammler-Express 1948 wurde seitens der OPD Dresden bestätigt, die Drucke in Ölfarbe seien definitiv über die Schalter gegangen, und zu den „privaten Kontroversen“ wolle man sich nicht äußern. Die Stückzahl von 14.500 verkauften „Potschtas“ habe aber „unantastbare Richtigkeit“.

 

Protokolle der Kriminalpolizei

Erstaunlicherweise waren die Vorgänge um die „Potschta“ bereits Anfang der 50er-Jahre von polizeilichen Ermittlungen berührt worden, als der Diebstahl der Wasserfarben-Makulatur untersucht wurde. In diesen Protokollen der Kriminalpolizei wurde die Einschätzung geäußert, dass überhaupt keine „Potschta“ am Schalter verkauft worden sei. Die vernommenen Schalterbeamten hatten sich in Falschaussagen verstrickt, und bereits damals war zu Tage gekommen, dass OPD-Präsident Dr. Johannes Kneschke großzügig „Potschtas“ bogenweise verschenkt habe – auch an den Postamtmann Schneider, der die Geschichte vom gestoppten Verkauf durch seine Berichte fleißig verbreitet hatte. Sogar ein Stempel sei sichergestellt worden, bei dem noch das Datum „23.6.45“ eingestellt war. Im Sammler-Express Nr. 3 von 1951 wurde indes berichtet, dass die angeblichen 14.500 „verkauften“ Exemplare nur durch den Zugriff „ehemaliger höherer Postbeamter“ zustande gekommen sei. Interessanterweise hatten diese Erkenntnisse keinen Einfluss auf die gängige Deutung – bis alle Hinweise vom Autoren Strobel zusammengeführt wurden.

 

Spannendes Zeugnis

Die Aufdeckung des Betrugsfalls löste heftige Diskussionen aus. Mancher Sammler fühlte sich zu Recht betrogen und mochte der traurigen Wahrheit nur widerstrebend ins Auge blicken. Die Angelegenheit ist auch auf den zweiten Blick einfach nur skandalös. Dass die von Strobel verwendeten Dokumente sämtlich öffentlich zugänglich waren, sich jedoch bis dahin niemand die Mühe gemacht hatte, die wirklichen Hintergründe der „Potschta“ aufzudecken, ist hingegen kurios und vermutlich einfach menschlich. Niemand aber kann Sammlern und Experten von Ost-Sachsen nehmen, dass sie mit der „Potschta“ ein wirklich spannendes Zeugnis der deutschen Philatelie besitzen, und dazu noch das Beweisstück einer abenteuerlichen Kriminalgeschichte. Nur weil die Briefmarken nicht ausgegeben wurden, verlieren sie ja nicht an Wert. Die entwerteten Belege muss man eben als das sehen, was sie sind, und nicht als das, was sie nach dem Willen der Fälscher sein sollten. Sie sind zeitgeschichtliche Dokumente und erzählen in jedem Fall eine aufregende Geschichte aus den ersten Monaten der Nachkriegs-Philatelie.